Ein häufiges Anliegen: Wie installiere ich eine neuere LibreOffice-Version, als mir meine Distribution standardmässig vorgibt?

Niveau: Einsteiger

Inhalt:

Einführung für Einsteiger

Ein häufiger “Fehler” von Einsteiger/-innen ist, nach der Windows-Methode ein Programm herunterladen zu wollen, also meist eine *.exe oder *.msi-Datei. Hoffentlich wurde wenigstens sichergestellt, dass die Quelle nicht zweifelhaft ist. Meistens wird dann die *.exe oder *.msi-Datei mit einem Klick oder Doppelklick installiert.

Bei GNU/Linux ist das seit jeher viel einfacher und vom Prinzip her sicherer.1 Für User/-in mit mässigem Interesse genügt zu wissen, dass alle Programme grundsätzlich über das Gnome-Software-Centre installiert werden sollten. Im Hintergrund sorgt die Paketverwaltung dafür, dass die Programm-Pakete kryptografisch verifiziert und dann installiert werden.2 Wird ein anderer Desktop als Gnome verwendet, heisst das “Software-Centre” möglicherweise leicht anders, aber funktioniert ähnlich.

Wir nehmen als Programm-Beispiel die bekannte Office-Suite LibreOffice. Diese ist bei (fast) allen Distributionen mit Desktop-Umgebung bereits vorinstalliert. Wir müssen Office also nicht erst installieren und können uns der Frage nach einer neueren LibreOffice-Version zuwenden.

Warum eigentlich enthält mein Ubuntu, Debian … nicht automatisch die neuste LibreOffice-Version?

Seit Erscheinen einer Distributions-Version, beispielsweise Ubuntu LTS 20.04 vom April 2020, gibt es natürlich viele Programme, die seither aktualisiert bzw. auf eine neue Version gehoben wurden. Aber u. a. aus Stabilitäts- und Kontinuitäts-Gründen – wichtig für Organisationen/Firmen – behalten Distro-Versionen grundsätzlich eben die ursprünglichen Programm-Versionen bei. So kommt es, dass ein immerhin fünf Jahre unterstütztes Ubuntu LTS 20.04 das Programm LibreOffice in der damals aktuellen Version 6.4 behält. Das gilt sinngemäss für andere Programmpakete.3

Was tun?

  • Entweder die Distribution aktualisieren, bei Ubuntu beispielsweise von 20.04 auf 22.04.
  • Oder, sofern vorhanden, die Paketquellen des Software-Paket-Herstellers freischalten – meines Erachtens nicht empfohlen (Risiken beachten!).
  • Oder aber, sofern vorhanden, sogenannte Backports der Distribution einbinden und verwenden.
  • Definitiv nicht empfohlen oder höchstens für Fortgeschrittene: Software vom Hersteller herunterladen und installieren.

Wir beleuchten hier nur die Backports anhand des Beispiels LibreOffice.

Warum Backports?

Der deutschsprachige Wiki-Eintrag Debian Backports antwortet:

Sie nutzen Debian stable, weil Sie die stabile Version von Debian bevorzugen. Das System läuft wunderbar, es gibt nur ein Problem: Die Software ist im Vergleich zu anderen Distributionen ein wenig veraltet. An dieser Stelle kommen Backports ins Spiel. Debian Backports [de]

Der Artikel erklärt, dass Backports Pakete seien, die hauptsächlich auf Programmversionen von künftigen, allerneusten Debian-Versionen basieren, welche noch getestet werden (sog. testing und unstable). Die Empfehlung lautet, einzelne rückportierte Programme herauszusuchen, die tatsächlich benötigt werden, statt alle verfügbaren Backports zu installieren.

Welche Programm-Versionen sind verfügbar?

In unserem Beispiel schauen wir auf den Websites der Distributionen Ubuntu und Debian, welche Versionen von LibreOffice (LO) zur Verfügung stehen:

Bei anderen Distributionen ist das sicherlich ähnlich.

Weil meine Testmaschine mit Debian läuft, interessieren bei Debian besonders die stabilen (stable) versus die rückportierten (backported) LibreOffice (LO) Versionen des derzeitigen Debian stable:

Backports installieren am Beispiel LibreOffice

Ich erläutere die Installation der rückportierten LibreOffice-Version (Backports) anhand von Debian. Bei Ubuntu dürfte es ähnlich sein. Das jeweils neuste Ubuntu LTS enthält bei Erscheinen vielleicht gerade eine ebenso neue LibreOffice-Version wie diejenige in den Debian Backports.

Backports aktivieren …

… per Bedienoberfläche (GUI):

Software & Updated, Register Andere Programme

Abb. 1: Backports hinzufügen
über die Bedienoberfläche,
GUI [en] eingestellt
  1. Das Hilfsprogramm “Anwendungen & Aktualisierungen” starten. Oder “Software & Updated”, falls englisches GUI eingestellt.
    Zur Erinnerung für Einsteiger: Ein grafisches (Hilfs-)Programm wird über den Menüeintrag oder den Anwendungsstarter (Strg-Taste) aufgerufen.

  2. Im Register “Andere Programme” ([en] “Other Software”) klicken wir auf hinzufügen und tragen
    deb https://debian.ethz.ch/debian bullseye-backports main contrib non-free
    ein (auf einer Zeile, siehe Abb. 1).

  3. Beim Schliessen neu laden bestätigen.

debian.ethz.ch ist natürlich nur ein Beispiel aus der Liste der Debian-Spiegelserver, also ggf. anpassen.

Weitere Möglichkeit: Synaptic ist ein beliebtes Programm zur grafischen Paketverwaltung. Das Debian Wiki bietet eine bebilderte Anleitung an.

… per Kommandozeile:

  1. Paketquelle hinzufügen:
    Im Terminal
    sudo apt edit-sources
    eingeben und dann die Zeilen (debian.ethz.ch … ggf. ändern)
    # Paketquelle Backports:
    deb https://debian.ethz.ch/debian bullseye-backports main contrib non-free
    unten einfügen mit Strg+Umsch+v. Speichern mit Strg+s und schliessen mit Strg+x.

    Dieser Befehl apt edit-sources editiert die Datei sources.list. Fast identisch ist also auch sudo nano /etc/apt/sources.list, ausser dass eventuell laufende und sich potenziell gegenseitig störende dpkg-Frontend-Anwendungen nicht entdeckt würden.

  2. Aktualisieren:
    sudo apt update
    ausführen (oder sudo apt-get update), um die Paket-Metadaten mit der hinzugefügten Paketquelle zu aktualisieren.

Backport-Programm installieren …

… per Bedienoberfläche (GUI):

Bis hierhin haben wir die Backports-Paketquelle an sich aktiviert. Alle darin verfügbaren backported Programme (Pakete) sind standardmässig deaktiviert. Das ist sinnvoll, weil wir normalerweise die “stabilen” Programme gegenüber den backported bevorzugen.

Synaptic: Force Version

Abb. 2: Synaptic: Version erzwingen
Menüpunkt [en] Force Version

Die bereits erwähnte grafische Paketverwaltung Synaptic bietet sich an.

  • Mit “Suche” suchen wir nach libreoffice und wählen aus den vielen Resultaten genau diesen Eintrag “libreoffice” aus.

  • Unter dem Menüpunkt (Abb. 2)
    PaketVersion erzwingen
    [en] PackageForce version
    oder mit dem Tastenkürzel Strg+e

Synaptic: Force Version

Abb. 3: Synaptic: LibreOffice
Version bullseye-backport erzwingen
  • … wählen wir die Version bullseye-backport aus (Abb. 3). Bestätigen mit Klick auf Version erzwingen.

  • Mit Klick auf “Anwenden” wird die Auswahl installiert.

… per Kommandozeile:

Im Terminal installieren wir LibreOffice Backport wie folgt:

sudo apt -t bullseye-backports install libreoffice

Praxis-Beispiel für LibreOffice Backports

Vorgesehen ist, in einem weiteren Artikel zu erläutern, weshalb in der Praxis Backports für LibreOffice sinnvoll sein könnten.

Für durchschnittliche Ansprüche kann jedoch gesagt werden, dass eine Aktualisierung auf eine neuere Backport-Version wohl selten nötig ist. Gerade bei Office-Suiten ist oft nur ein Bruchteil der Funktionalitäten überhaupt bekannt oder wird angewendet.

  1. Natürlich könnte argumentiert werden, dass heutige Windows-Versionen ebenfalls gute Sicherheitsmechanismen eingebaut haben. Das wäre ein Thema für sich. 

  2. User mit fortgeschrittenem Interesse werden sich wohl schon orientiert haben. Beispielsweise bietet der Abschnitt “Package signing in Debian” [en] bzw. “Paketsignierung in Debian” [de] eine Einführung zur Paketsignierung am Beispiel von Debian oder Ubuntu. 

  3. Es gibt nennenswerte Ausnahmen. Wenn das Programmpaket in einer alten Version von der Herstellerin nicht mehr unterstützt wird, dann muss eben auf die neuere Version upgegraded werden. Bekannte Beispiele sind der Browser Firefox oder das Mail-Programm Thunderbird. So wird selbst Firefox “Extended Support Release (ESR)” im Durchschnitt 42 Wochen unterstützt und mit Sicherheits-Aktualisierungen versorgt. Ubuntu LTS, das fünf Jahre unterstützt wird, muss Firefox also mehrmals auf eine neue Haupt-Version aktualisieren lassen.